Autor Thema: Kokainmissbrauch über Jahre?  (Gelesen 7189 mal)

Nina

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Kokainmissbrauch über Jahre?
« am: 20 September 2007 »
Hallo liebes Team,
mein Freund (mitte 30, beruflich sehr erfolgreich aber auch ständig unter Druck) konsumiert seit ca. 10 Jahren Kokain: entweder im Job um "die Leistung zu bringen" oder abends zum Fortgehen. Wir sind seit 1 Jahr zusammen, als wir uns kennen lernten versicherte er dass er nur kontrolliert konsumiert und wenn, dann "immer nur wenig, nie eine ganze Line" bzw. "nie mehr als 1 Gramm/Woche". ((keine Ahnung ob das stimmt, ich selbst kokse nicht, ist 1 Gramm viel?)) Manchmal wochenlang nichts (selten), oder mehrmals die Woche. Sein Bekanntenkreis besteht nur aus "Szene-Angehörigen", im direkten Vergleich zu ihnen ist sein Konsum wahrscheinlich harmlos. Ich bin die einzige "Nicht-Kokserin" in diesem Kreis. Er war immer schon eine sehr spezielle Persönlichkeit aber in den letzten Wochen wurden mir sein Verhalten einfach zu viel, ich halte ihn kaum mehr aus, ich kann nicht mehr so weiter machen,  kann aber auch nur schwer in Worte fassen warum. wir können zwar über den Konsum an sich sprechen (woher es kommt, wen er nicht alles über die Kokserei kennt, Qualität, Preis...) aber als ich mehrmals versuchte ihn auf mögliche Veränderungen, körperliche Problematiken (furchtbare Leberwerte obwohl er kaum trinkt, wir haben kaum mehr Sex, kann sich zu nix aufraffen) anzusprechen wurde er richtig böse bzw. unterstellte mir seltsamste Dinge. Auf eurer Seite sind viele Merkmale gelistet die ihn sehr treffend beschreiben. Bitte, ich würde gerne wissen ob ein zwar regelmäßiger aber mäßiger (? 1 Gramm/Woche?) Konsum Auswirkungen auf die Psyche hat? Wie könnte ich ein Gespräch aufbauen? Er verneint in sehr agressiver Weise jeglichen Zusammenhang zwischen seiner Kokserei und seinen teilweise sehr offensichtlichen Problemen. gibt es eine Art "Test" den er machen kann? als Kontrollfreak würde ihn ein Ergebnis dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hat vielleicht zum Umdenken bringen. vielen Dank und alles Liebe, Nina

ME-Redaktion

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Re: Kokainmissbrauch über Jahre?
« Antwort #1 am: 22 September 2007 »
Hallo Nina, viele Fragen auf ein Mal und Themen, die besser in einem persönlichen Gespräch in einer Beratungsstelle angeschnitten wären, zumal es viel auch um Beziehung geht.

Wäre ich Nina, ich würde ihm kein Wort glauben, weil jemand, der aktiv konsumiert, selten ehrlich ist, meistens nicht einmal zu sich selbst. Sicher ist es auch so, dass die psychischen Befindlichkeiten proportional schlechter werden, je mehr jemand konsumiert. Insbesondere bei Kokain und anderen aufputschenden Substanzen kommt es zu einer Art Ausbrennen, zu Zuständen von Gereiztheit und innerer Anspannung, in welchen aggressive und erregte Impulse immer stärker ans Tageslicht treten. Es gibt nicht selten aber auch depressive Einbrüche mit Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit und negativ oder abweisendem Verhalten, in welchem sich die Betroffenen zu nichts mehr aufraffen können. In derartigen Phasen ist eine Selbstgefährlichkeit gegeben.

Seine Abwehr, wenn Nina darüber reden will, verweist darauf, dass er nicht offen ist, dass er genervt wird, wenn er angesprochen wird und dass er die Situation offensichtlich verleugnet ? wie es für aktive Sucht halt typisch ist, sei es Alkohol, seien es illegale Drogen. Von irgendwelchen Laborkontrollen halte ich wenig, wenn er es nicht selber offensichtlich will. An erster Stelle müsste wohl der gemeinsame Gang zu einer Beratungsstelle stehen, oder ein Besuch bei einem kompetenten Arzt.

Wenn ich Nina wäre, würde ich auch auf mich selbst achten. Ich würde mich fragen, was für eine Zukunft eine derartige Beziehung mit so viel Verstrickung in diese gefährliche Szene hat. Ich müsst auch in Sorge sein, dass ich irgendwann vielleicht einmal selbst hinein gerate. Einem Sog von Drogen, einem konsumierenden Partner und der zugehörigen Szene auf Dauer zu widerstehen, dazu braucht es fast übermenschliche Kräfte.

Für die ME-Redaktion Dr. Roland Wölfle, Therapiestation Lukasfeld