Autor Thema: abgrenzen oder kontakt suchen?  (Gelesen 6381 mal)

Ich

  • Gast
abgrenzen oder kontakt suchen?
« am: 06 September 2005 »
Hallo zusammen,

Zuallererst einmal ein Kompliment für die Website- toll gemacht!

und jetzt zu meiner Frage:
ein Bekannter von mir ist bereits seit Jahre heroinabhängig und hat (nach seinen Erzählungen) bereits einige erfolglose Entzugsversuche hinter sich..

Ich habe ihn jetzt nach 5 Jahren zufällig wieder getroffen und war schockiert wie es ihm jetzt geht-
und jetzt frag ich mich natürlich, was ich tun soll? es heißt ja immer, man sollte sich abgrenzen, denn nur, wenn der Betreffende merkt, dass er ganz unten ist, kommt er von der Sucht los..blablabla...

gibt es nicht irgendetwas, was ich aktiv tun könnte? ich werde ihn wohl kaum von seiner Sucht kurieren können, das ist mir schon klar, aber ich möchte mich auf keinen Fall so von ihm distanzieren, wie es bereits die anderen "guten" Freunde getan haben!

ich hab so das Gefühl, dass er über seine sucht sprechen möchte- soll ich das tun, oder besser nicht, bzw. soll ich versuchen ihn zu einer Therapie zu "überreden"?

Ich hatte noch nie vorher mit diesen Themen zu tun, daher bin ich auch ziemlich ratlos...

MFG
ich

ME-Redaktion

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #1 am: 07 September 2005 »
Liebe(r) ich! Ich denke, dass die Frage von abgrenzen oder nicht jede/r ein Stück weit selbst beantworten muss, insofern ob einem der Kontakt selber gut tut oder nicht oder ob man der betreffenden Person dadurch auch hilft. Sie haben sich selbst entschlossen Kontakt zu behalten und das ist dann auch gut so. Wichtig erscheint mir dann immer, dass man sich von der Problematik des Gegenüber nicht "auffressen" lässt, d.h. dass man auch eigene Interessen und Kontakte nicht vernachlässigt. Eine Möglichkeit wäre vielleicht mit dem/der Betroffenen gemeinsam in eine Beratungsstelle einmal zu gehen. Die Hürde ist dann vielleicht geringer und dort kann man mit jemand professionellem anschauen, welche Hilfe die Person annehmen könnte. Wir an unserer Beratungsstelle bieten auch Menschen im Umfeld Beratungsgespräche an um gemeinsam zu reflektieren was sie tun können um wirklich zu helfen. Sollten sie noch mehr wissen wollen können sie sich gerne weiter an uns wenden. Christine Köhlmeier, Beratungsstelle Clean Feldkirch.
« Letzte Änderung: 07 September 2005 von admin »

Romana (ich)

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #2 am: 09 September 2005 »
Liebe Frau Köhlmeier,

Vielen Dank für die Antwort!
Ich habe jetzt mit meinem Bekannten gesprochen- er ist bereit eine Therapie zu machen. Was ist nicht wußte, er macht bereits seit einem Jahr eine Subsitution und durch großes Glück hat er bereits ab Montag einen Therapieplatz für ein halbes Jahr! (er hat sich vorher schonmal dafür angemeldet) Danach muß er allerdings weg aus seinem Umfeld, am besten gar nicht mehr zurück kommen, sondern in einem anderen Bundesland neu anfangen (das wurde ihm geraten).
Es hat mich wirklich überrascht, dass er überhaupt bereit war, mit mir zu einer Beratungsstelle zu gehen- Ihr Ratschlag hat also funktioniert- vielen, vielen Dank! Der Weg war mir von vornherein klar, aber ich hätte mich nicht getraut ihm das überhaupt vorzuschlagen, hätten Sie mich nicht auch dazu ermutigt.
Das nächste, was mir jetzt allerdings Sorgen macht ist, dass er micht jetzt als "Retterin" und "Liebe seines Lebens" sieht...- wo ich mir wieder die Frage mit dem Abgrenzen stellen muss.
Ich hab ihm jetzt einfach genau gesagt, wie es ist, dass ich seit 10 Jahren glücklich vergeben bin und dass das nie mehr als Freundschaft werden wird...- wie soll ich mich zukünftig verhalten- soll ich ihn weiterhin in der Therapie besuchen oder könnte ihm das schaden? ich fürchte, es ist ihm noch nicht ganz klar, was da überhaupt auf ihn zukommen wird- es fallen nämlich auch von seinen Freunden Sätze wie :"keine Sorge, wir bringen dir eh alles in die klinik mit"
soll ich da sofort widersprechen und ihm erklären, dass das dann nie mehr passieren darf, oder macht das zuviel druck? momentan äußere ich mich einfach nicht viel dazu...um ihm keine Angst vor dem Entzug zu machen- aber bis Montag ist noch eine lange Zeit und ich hab Angst, dass er bis dahin noch "Dummheiten" macht...wie zum beispiel morgen, da ist eine große Abschiedsfeier mit seinen Kumpels geplant...

ich weiß, es ist schwierig, hier eine Antwort zu finden, weil das schon sehr von der jeweiligen Person abhängt- aber es würde mich trotzdem sehr freuen, wenn Sie mir dazu wieder etwas schreiben würden!

Grüße,

Romana

MFG
Romana

ME-Redaktion

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #3 am: 19 September 2005 »
Liebe Romana, Es tut mir leid, dass sie bis jetzt keine Antwort bekommen haben. Ich war einige Tage nicht da. Ramona, ich denke ´sie haben sehr viel für ihren Bekannten getan aber er muß sich in der Therapie und immer wieder selbst entscheiden ohne Drogen leben zu wollen. Es kommt auf die Therapiestation an - es könnte sein, dass gar nicht so viele Außenkontakte möglich sind. Bezüglich der persönlichen Erwartungen des Bekannten würde ich auch nicht zu viel Kontakt pflegen. Die eine verbale Botschaft - dass für sie nur Freundschaft möglich ist - und die andere - können für ihn eine Doppelbotschaft sein und "handlungsbotschaften" wirken immer stärker als Worte. Wegen dem Abschiedsfest bin ich leider zu spät mit meiner Antwort.

Noch einmal sie können ihn bestärken eine Therapie zu machenaber er muß selber immer wieder die innere Entscheidung fällen. Mit vielen Grüßen Christine Köhlmeier


Romana

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #4 am: 19 September 2005 »
Hallo Frau Köhlmeier,

Vielen Dank für Ihre Antwort.
Mein Bekannter ist mittlerweile auf Entzug. Besuch darf er da keinen empfangen und telefonieren nur 2mal die Woche...
Ich gebe Ihnen vollkommen recht, "Taten sind die stärkeren Botschaften", aber das Problem ist, dass mein Bekannter sonst niemanden hat, der ihm hilft.
Ich wollte den kontakt eigentlich schon reduzieren- und heute hat mich jemand aus der Therapiestation angerufen und gemeint, dass ich die einzige bin, auf die er hört, und der er vertraut- und wenn ich etwas sage, dann hält er sich auch strikt dran.
Den Entzug will er schon selbst, daran besteht kein Zweifel, schließlich hat er auch schon vor meinen Bemühungen die ersten Schritte dafür gesetzt...

eine letzte Frage hab ich dazu noch an Sie:
Wird er sich während des Entzugs auch verändern? Ich telefoniere (auch auf Wunsch der Ärzte) jetzt öfters mit ihm und er stottert momentan nur wirres Zeug- von dunklen Schatten, die ihn verfolgen zum Beispiel. Von einer Minute auf die andere spricht er dann nach der Schrift und hält mir- ganz wie ein Arzt- richtige Vorträge über die Funktionsweisen des Gehirns!
und dann bringt er wieder gar kein wort mehr heraus- ist das nur eine Folge des Entzuges oder kann das bleiben? Er hat mittlerweile 2 epileptische Anfälle während des Entzuges gehabt...kann das die Ursache dafür sein???

MFG
Romana

ME-Redaktion

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #5 am: 20 September 2005 »
Liebe Romana! Ich denke, dass dies alles schon in Zusammenhang mit dem Entzug sein kann. Vielleicht können sie mit dem Arzt einmal darüber reden, der kann ihnen das sicher genauer erklären. Es scheint, dass ihr Bekannter einen recht schweren Entzug hat. Dies kommt häufiger vor wenn jemand verschiedene Substanzen missbraucht hat - vor allem bei Psychopharmaka.

Es scheint auch, dass der Kontakt jetzt auch wichtig und stimmig ist. Er ist jetzt ja in einer sehr labilen Situation, die vermutlich immer besser wird je weiter der Entzug fortgeschritten ist. Es gilt auch immer nach Situation abzuschätzen welcher Kontakt wichtig ist und vor allem was einem selbst auch gut tut. Alles Gute und viele Grüße. Sie können sich gerne wieder an mich wenden. Christine Köhlmeier

Romana

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #6 am: 20 September 2005 »
Liebe Frau Köhlmeier,

Vielen Dank für Ihre Informationen, es hilft mir wirklich sehr, dass Sie mir meine Fragen beantworten! Ich hatte mit solchen Themen bisher nicht viel zu tun, daher fällt es mir schwer mich in so eine Lage hineinzu versetzen! Ich werde dieses Forum in jedem Fall weiterempfehlen! Nur schade, dass Sie so weit weg sind! (komme aus Niederösterreich)

Vielen Dank jedenfalls, sollten wieder Fragen auftauchen würde ich mich freuen, wenn Sie mir wieder weiterhelfen können!

MFG
Romana

Romana

  • Gast
Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #7 am: 04 Oktober 2005 »
Hallo Frau Köhlmeier,

Jetzt ist schon wieder eine Frage aufgetaucht, wo ich hoffe, dass Sie mir weiterhelfen können...

Mein Bekannter ist bereits clean und darf am Freitag nachhause...danach wird er einen weiteren Aufenthalt in einer Therapieeinrichtung beginnen- ist nur die Frage, wann da ein Platz frei wird, bzw. die Kostenübernahme bewilligt wird (wahrscheinlich irgendwann im Laufe der kommenden Woche)

Solange werde ich meinen Bekannten bei mir daheim einquartieren (damit er nicht alleine ist), weil er hat selber bereits die Angst geäußert, dass er sonst wieder zu seinen Szene-Freunden Kontakt suchen könnte in einer schwachen Minute...

Jetzt frag ich mich natürlich, wie ich mit ihm umgehen soll? - körperlich dürfte er noch einige Probleme haben, wie zum Beispiel Krämpfe, starke Schmerzen, usw...
ansonsten macht er einen sehr gefassten und vernünftigen Eindruck...er ist nur lt. eigener aussage etwas nervös- z.B. möchte sich ständig bewegen...laufen...sport machen....

was ich nicht wußte: er ist auch alkoholabhängig! - offenbar hat er tatsächlich alles konsumiert, was er kriegen konnte...die "Hauptabhängigkeit" waren: Benzos und Heroin bzw. Substitol...

Wie meinen Sie soll ich diese Tage mit ihm verbringen? - damit er nicht unruhig wird...
ich hab mir gedacht, ich könnte recht viel mit ihm unternehmen, z.B. mit anderen (drogenfreien!) freunden von mir (die sind eingeweiht und haben verständnis für seine situation...)
ich möchte ihn auf keinen Fall überfordern, aber auch nicht, dass er bei der ersten gelegenheit wieder flüchtet...

schon klar, ich kann ihn wohl kaum daheim einsperren, aber beschäftigen würde schon helfen...
er selber meint, dass es schon eine riesenhilfe meinerseits ist, dass er raus aus seiner ex- "junkie" - umgebung darf...ich hoffe, das hilft ihm wirklich...

was meinen Sie dazu?
ich würde mich wie immer, über eine Expertenantwort freuen...

MFG
Romana

Clean FK

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Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #8 am: 05 Oktober 2005 »
Liebe Romana!

Ich finde sie haben sich schon etwas sehr schwieriges aufgeladen, aber ich möchte sie nicht entmutigen.

Als erstes finde ich wichtig, dass sie den Aufenthalt begrenzen. Nach dem körperlichen Entzug dürfte er eigentlich keine körperlichen Beschwerden mehr haben. Ich glaube, es wäre auch wichtig von ihm zu verlangen, dass er sich externe, professionelle Unterstützung holt, wo man ihn auch in seinem ?Fahrplan? unterstützen kann. Andere Punkte scheinen mir folgende: dass sie ihr eigenes Leben nicht aufgeben, auch einmal ohne ihn mit jemandem reden oder zusammentreffen, sie können ihn schlussendlich nicht schützen. Für eine vorübergehende Zeit kann es hilfreich sein, wenn sie ihn hin und wieder mitnehmen zu ihren Kontakten.

Wenn dies alles zu sehr an ihnen hängt und zu lange geht,  ist die Gefahr groß, dass es in die Richtung geht, die sie anfangs auch klarstellen wollten, dass ihr Bekannter andere Erwartungen an sie hat und dass er versucht sie unter Druck zu setzen, dass er nur mit ihrer Unterstützung aus dem ganzen herauskommt.

Mit vielen Grüßen
Christine Köhlmeier

Romana

  • Gast
Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #9 am: 05 Oktober 2005 »
Liebe Frau Köhlmeier,

Danke für Ihre Antwort. Ich denke auch, dass ich mir etwas schwieriges aufgeladen habe, das ist mir schon klar...auch die Sache mit dem Abgrenzen erscheint mir dabei sehr wichtig, daher hab ich jetzt auch meinen Freund mit einbezogen, glücklicherweise steht er da auch voll hinter mir...- das heißt, mein Bekannter wird von anfang an sehen, dass da keinerlei "Chance auf eine Beziehung" besteht.

Das mit dem Aufenthalt begrenzen kam schon von ihm selbst, weil er unbedingt weiter in Behandlung möchte...er hat da selber schon alles in die Wege geleitet! Ich habe ihm auch gleich erklärt, dass er nicht ewig bei mir bleiben kann...
mir ist es einfach wichtig, dass er in der zeit die dazwischen liegt, nichts nimmt, da er nur 100% clean in dieser Therapieeinrichtung, übrigens "Zukunftsschmiede" mit Namen, aufgenommen wird...


Er hat, obwohl der körperliche Entzug abgeschlossen ist, noch massive Beschwerden! - z.B. kann er kein Wasserglas halten, ohne die Hälfte zu verschütten, weil er so zittert, sein Blutdruck spielt verrückt (viel zu hoch), und er hat starke Krämpfe...

Wies psychisch ausschaut kann ich nicht genau sagen, nur, dass er bei sämtlichen Therapien (lt. Psychologen) sehr engagiert mitgemacht hat und sogar freiwillig Intelligenztests und Persönlichkeitstests gemacht hat...(das wurde offenbar zu Forschungszwecken in der Klinik gebraucht)...

die meinen, dass seine Persönlichkeit für das,was er durchgemacht hat, schon sehr stark ist... was mich ehrlich gesagt sehr überrascht...mir kommts wirklich so vor, als würden sie ihn aus Platzmangel nur "loswerden wollen"


Ich hoffe wirklich, dass das alles so funktioniert wie ich es geplant habe....

mit vielen Grüßen aus Niederösterreich,

Romana

Romana

  • Gast
Re: abgrenzen oder kontakt suchen?
« Antwort #10 am: 19 Oktober 2005 »
Liebe Frau Köhlmeier,

Ich wollte mich nur mal wieder melden und erzählen, wie es gelaufen ist...
Mein Bekannter ist jetzt in einer Therapieeinrichtung...für mind. 6 monate...und ich bin wirklich froh, dass er die Tage bei mir (7 insgesamt) auch tatsächlich drogenfrei überstanden hat.

Sie hatten recht, es war eine extrem schwere Zeit...ich war ständig unter Druck und hatte Angst, er könnte rückfällig werden...so schlimm hab ich mir das gar nicht vorgestellt


2mal war es in Sachen Rückfallgefahr wirklich verdammt knapp- ich hatte dabei wohl mehr Glück als verstand...

was ich nämlich nicht wußte, dass er die Benzos nur reduziert hatte...am letzten tag auf der entzugsstation bekam er noch 2!!!!- und bei mir dann gar keine mehr...von daher gings ihm natürlich demensprechend schlecht...

aber alles in allem hat es geklappt...jetzt liegts an ihm, den richtigen Weg weiter zu gehen!!!

Ich bin froh, mir bei Ihnen Rat geholt zu haben...so ein Forum ist eine gute Anlaufstelle für alle...

Vielen Dank,

Romana