Autor Thema: Chance  (Gelesen 3315 mal)

Greta

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Chance
« am: 19 Januar 2006 »
liebes beratungsteam,
zuerst möchte ich ihnen zu den sehr praxisnahen und kompetenten antworten in diesem forum gratulieren! es ist so unendlich wichtig, daß sich hilfesuchende in sachen drogen ernstgenommen fühlen.
meine frage: ich habe einen 23jährigen sohn, der heroinabhängig war und seit 6 monaten substituert ist(substitol). mir scheint es, als wäre er nun "ganz normal", wenn auch etwas müde und antriebslos (wegen drogenkonsums hat er auch seinen job verloren und ist seither arbeitslos). aber meiner meinung nach ist er ja immer noch abhängig, nur halt jetzt von einer legal verschriebenen droge - sein arzt meint nur, so etwas dauert jahrelang, und irgendwann wird er auch mit dem substitol aufhören, wenn es ihm zu blöd ist, dauernd zum arzt und in die apotheke zu rennen..... ist das wirklich so? hat er die chance, von allein davon wegzukommen? er sieht sich nicht mehr als süchtig an, will auf keinen fall einen stationären entzug machen. vielen dank im voraus für ihre antwort!

ME-Redaktion

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Re: Chance
« Antwort #1 am: 23 Januar 2006 »
Sehr geehrte Frau Mutter,
zu Ihrer Frage: bis zum Jahr 1987 gab es in Österreich nur die abstinenzorientierte Therapie. Als sich immer mehr offene Drogenszenen herausbildeten und die Konsumenten mehr und mehr verelendeten, entschloss sich die Politik aufgrund der Empfehlungen der Suchtexperten, Ersatzdrogen zuzulassen. In einem Erlass des Bundesministeriums, der in überarbeiteter Form noch heute gilt, wurden die Modalitäten für die Verschreibung von Ersatzstoffen festgeschrieben. Darin ist u. a.  festgelegt, dass die Verabreichung von Substitionsmitteln stets "ultima ratio" sein sollte, d.h. allen anderen Therapieformen ist der Vorzug zu geben. Durch die Einnahme von Ersatzstoffen wird eine weitere Kriminalisierung verhindert und es tritt eine Stabilisierung der Lebenssituation ein. Allerdings ist die Reduzierung auf die Einnahme des Substitutionsmittels ein langwieriger Weg aus der Sucht hinaus. Deshalb wird in Österreich auch die begleitende psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung forciert. Deshalb wird auch in Fachkreisen von einer medikamentengestützten Therapie gesprochen, damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Substitution nur ein Zwischenschritt zu einem drogenfreien Leben sein soll. Ziel der begleitenden Therapie ist Abstinenz von Suchtmitteln und auch Freude an der Abstinenz zu entwickeln. Der Suchtmittelkonsument ist stets von Zweifeln geplagt, dem endgültigen Entschluss zu einem drogenfreien Leben geht oft ein langes Ringen mit sich selbst voraus. Die Angehörigen können ihn ermutigen, bestärken, ihm jedoch die Verantwortung für sein Leben nicht abnehmen. Empfehlenswert ist, soweit noch nicht geschehen, der intensive Kontakt mit einer örtlichen Drogenberatungsstelle. Wenn sich noch weitere Fragen ergeben, schreiben Sie uns einfach. Mit freundlichen Grüßen