“Das Schönste sind die therapeutischen Erfolge“

print

Das VN-Interview von Heidi Rinke-Jarosch

Frastanz  34 Jahre hat Reinhard Haller das Behandlungszentrum Maria Ebene als Chefarzt geführt. Ab 1. Jänner geht er in Pension. Im VN-Interview blickt der 66-jährige Psychiater, Psychotherapeut, Gerichtsgutachter, Autor und Russ-Preis-Träger auf seinen Berufsalltag zurück.

Seit 1983 leiten Sie das Krankenhaus Maria Ebene. Ihre Bilanz?

Haller: Ich habe damals eine kleine Einrichtung mit 20 Betten und 60 Mitarbeitern übernommen. Ende dieses Jahres übergebe ich ein schönes Krankenhaus inklusive Beratungsstellen und Therapiestationen mit insgesamt 100 Betten und fast 160 Mitarbeitern. Das Krankenhaus und die dazugehörenden Beratungsstellen wurden mit Herzblut entwickelt und aufgebaut. Bedauerlich ist indes, dass diese Einrichtung heute mehr denn je notwendig ist.

Warum mehr denn je?

Haller: Weil das Suchtproblem explosionsartig zugenommen hat. Sucht ist ein spannendes Phänomen, das sich stets wandelt und immer mehr an Bedeutung gewinnt. Allerdings hat es, was die Suchttherapie angeht, kaum Fortschritte gegeben. Eine gute Weiterentwicklung hat es indes in der Psychotherapie gegeben.

Sie haben zahllose psychiatrische Gerichtsgutachten verfasst. Etwa vom Sexualmörder Jack Unterweger, vom „Bombenhirn“ Franz Fuchs und dem NS-Euthanasie-Arzt Heinrich Gross. Welcher Verbrecher war die größte Herausforderung für Sie?

Haller: Der faszinierendste Fall war für mich Franz Fuchs. Er war ein höchst intelligenter, zutiefst gekränkter Mensch und eindeutig ein bösartiger Narzisst. Er spielte alle Rollen in seiner Verbrecherstory. Er hat sich selbst verfolgt, sich selbst zur Strecke gebracht und sich selbst gerichtet. Am unangenehmsten und schwierigsten zu begutachten war Heinrich Gross. Er war gar nicht mehr verhandlungsfähig. Jack Unterweger war fachlich leicht zu beurteilen, aber von der Art des Verbrechens einzigartig.

Sie wurden aufgrund von Gutachten auch kritisiert und sogar verklagt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Haller: Da gab es schon extrem belastende Zeiten. Aber wenn man diesen Job macht, muss einem bewusst sein, dass einem so etwas passiert. Mir war immer wichtig, zu wissen, dass ich keinen Fehler gemacht habe. Mein Motto ist: Auf hoher See und bei Gericht hilft nur der liebe Gott.

Und nun zu den schönen Erlebnissen in Ihrem Berufsalltag.

Haller: Das Schönste sind die therapeutischen Erfolge. Vor allem, wenn es Menschen schaffen, die von allen schon abgeschrieben wurden. Die Arbeit mit Süchtigen ist höchst interessant, weil sie meist sehr nette Menschen sind. Zudem ist die Suchttherapie trotz mangelnder Fortschritte erfolgreich.

Wie stehen Sie selbst zum Suchtmittelkonsum?

Haller: Ich hasse die Sucht und liebe die Süchte. Es gibt Leute, die meinen, dass man weder trinken noch rauchen darf, wenn ich komme. Dabei bin ich ein Vertreter der Kultur der kultivierten Suchtmittel. Nimmt man Suchtmittel kultiviert ein, sind sie nicht gefährlich. Ich halte es wie Paracelsus: Allein die Dosis macht das Gift.

Sie haben das Buch „Die Narzissmusfalle“ geschrieben. Momentan sind einige Narzissten an der Macht, etwa Donald Trump. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Haller Früher galt Narzissmus als eine psychische Störung, heute ist er Zeitgeist. Bei Trump ist erstaunlich, dass er gerade wegen seines Narzissmus gewählt wurde, weil er den Narzissmus zum Markenzeichen gemacht hat. Nicht alle Narzissten sind menschenverachtend und egozentrisch, aber alle sind sehr kränkbar. Und das macht sie gefährlich. Ein Trost ist, dass Narzissten immer im Absturz enden.

Wie werden Sie Ihren Pensionsalltag gestalten?

Haller Ich werde jedenfalls nicht nichts tun. Ich möchte aber nicht mehr so fremdbestimmt sein, wie ich es 40 Jahre lang war. Als Psychiater, Psychotherapeut und Gutachter mache ich weiter, allerdings in beschränktem Umfang. Ich halte auch künftig Vorträge und schreibe Bücher. Mein nächstes Buch mit dem Titel „Wandern als Psychotherapie“ ist bereits im Entstehen.

Haben Sie Angst vor dem Sterben, Herr Haller?

Namen Mein nächster Lebensabschnitt endet mit dem Tod, also muss ich mich mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei geht es mir wohl wie den meisten Menschen: Ich habe eher Angst vor Krankheiten als vor dem Sterben. Ich blicke dem Tod mit Bangen, aber auch mit gewisser Neugierde entgegen.

(Quelle: Vorarlberger Nachrichten, von Heidi Rinke-Jarosch)